1. Everyday Sadism (Buckels, Jones, Paulhus, 2013) – Der Alltagssadismus als empirischer Befund
Was umgangssprachlich als „Hinterfotzigkeit“ firmiert, hat in der Persönlichkeitspsychologie einen präzisen Namen: Everyday Sadism. Die grundlegende Studie stammt von Erin Buckels, Delroy Paulhus und Daniel Jones (2013) und zeigt, dass Freude an fremdem Leid kein forensisches Randphänomen ist, sondern eine messbare, im Alltag verbreitete Charaktereigenschaft – bei Menschen, die ansonsten völlig unauffällig funktionieren.
Im zentralen Experiment bekamen die Probanden vier Aufgaben zur Auswahl, darunter das Zermahlen lebender Käfer in einer präparierten Mühle sowie unangenehmere, aber harmlose Alternativen wie Toilettenreinigung. Von 71 Teilnehmern entschied sich gut ein Viertel dafür, die Käfer selbst zu zerkleinern, und ausgerechnet diese Gruppe wies die höchsten Werte auf einer Skala sadistischer Impulse auf. Entscheidend ist, was diesen Befund von bloßer Rücksichtslosigkeit unterscheidet: Nur die Sadisten waren bereit, aktiv Aufwand zu betreiben, um überhaupt die Gelegenheit zu bekommen, eine unschuldige Person zu verletzen. Es ging also nicht darum, Schaden in Kauf zu nehmen, sondern ihn zu suchen. Psychological Science
Der Effekt ließ sich nicht auf angrenzende Eigenschaften zurückführen. Selbst wenn Werte für Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie statistisch herausgerechnet wurden, blieb Sadismus ein eigenständiger Prädiktor für die Bereitschaft, Grausamkeit auszuüben. Das bedeutet: Es handelt sich nicht um einen Nebeneffekt von Egozentrik oder Berechnung, sondern um eine eigene Triebfeder – die Freude am Schaden selbst als Motiv, nicht als Werkzeug für etwas anderes. ScienceDaily
Buckels und ihre Kollegen weiten den Befund inzwischen auf subtilere Alltagsformen aus – von Mobbing bis zum Trolling im Netz, wo die Trollkultur explizit sadistische Lust, den sogenannten „lulz“, zelebriert. Der Hinterfotz von nebenan muss also niemanden mehr foltern. Es reicht, jeden Tag aufs Neue hinzusehen, was der eigene Beitrag anrichtet – und genau daran seine Freude zu haben. Psychological Science
2. Jackass – die Freude am Leid anderer
Jackass verschiebt den Fokus von der Tat auf ihr Publikum: Hier schadet sich niemand aus Bosheit selbst, sondern die Darsteller fügen sich und einander Schmerz eigens zu dem Zweck zu, dass Dritte davon Vergnügen haben. Das ist eine andere Struktur als der Alltagssadismus aus Punkt 1 – es geht nicht um die Lust des Täters am fremden Leid, sondern um die industrialisierte Belieferung fremder Lust am Leid, verpackt als Unterhaltung. Die Forschung zur Schadenfreude liefert dafür den Rahmen: Schadenfreude gilt als eine von 16 grundsätzlich als angenehm erlebten Emotionen und wird damit als potenziell unterhaltsam eingestuft, obwohl sie zugleich durch eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Wohlergehen anderer gekennzeichnet ist. Formate wie Jackass sind im Kern genau das: „Instant Karma“-Videos und vergleichbare Formate sind im Grunde Systeme zur gezielten Auslieferung von Schadenfreude. CBDV
Interessant ist die Grenze, die die Forschung zieht. Gewöhnliche Schadenfreude ist flüchtig, klingt schnell wieder ab und richtet sich auf ein kleineres Missgeschick, das als irgendwie verdient empfunden wird. Verschiebt sich die Freude jedoch darauf, den Schmerz selbst verursacht zu haben, hält sie an und richtet sich gegen jemanden, der nichts dafür kann – dann bewegt sie sich weg von gewöhnlicher Schadenfreude hin zu etwas Dunklerem. Jackass bewegt sich bewusst in dieser Grauzone: Die Konsensfrage (alle machen freiwillig mit) entlastet moralisch, ändert aber nichts daran, dass das Prinzip der Sendung genau der Mechanismus ist, den Punkt 1 beschreibt – nur ins Publikum verlagert. Nicht der Handelnde erfreut sich am Schaden des anderen, sondern Millionen Zuschauer erfreuen sich stellvertretend, während die Darsteller den Schaden liefern. Der Hinterfotz wird hier zum Geschäftsmodell. ScienceABC

Kommentar verfassen